Souvenirs - Michael Wendeberg

Absolvent*innen der HfM Saar erinnern sich

Beitrag von Michael Wendeberg für die HfM-Serie souvenirs

Ich freue mich sehr über die Anfrage der HfM Saar, zum 75-jährigen Bestehen einige Erinnerungen zu teilen!

Nach Saarbrücken gelockt haben mich damals – beide Male – die Professoren, also erst zum Klavierstudium 1993 Bernd Glemser, dann zum Dirigieren 2005 Toshiyuki Kamioka. In besonderer Erinnerung sind mir nicht zuletzt die damaligen Kommilitonen! Das waren engere und weniger enge Freundschaften, das ganze Studentenleben, besonders aber der kleine Kreis der Neue-Musik-Verrückten an der Hochschule, das gemeinsame Feldman-Hören nachts um drei und und und…

Wichtige Anregungen neben Glemser und Kamioka waren der Kammermusikunterricht bei dem wundervollen Eduard Brunner und die Interpretationsworkshops bei Stefan Litwin, später auch sehr die Arbeit mit Yaron Windmüller. Es gab in meinem Klavierstudium nicht, was es damals im Gegensatz zu heute auch sonst an kaum einer Hochschule gab – eine Vorbereitung darauf, wie der Einstieg in das Berufsleben wirklich funktioniert. Hauptsächlich habe ich in meinem Klavierstudium gelernt, besser Musik zu machen. Im Gegensatz dazu war Toshiyuki Kamiokas Arbeit sehr direkt auf die Praxis bezogen – ich habe ja zeitgleich bei ihm in Wuppertal als Repetitor angefangen… Was ich mir im Klavierstudium idealerweise als Ziel vorgestellt habe, war wahrscheinlich ziemlich genau so etwas wie die Stelle beim Intercontemporain. Dann noch einmal Dirigieren zu studieren war natürlich im Gegensatz dazu ein großer Richtungswechsel, und meine Kollegen in Paris haben mich doch sehr verdutzt angeschaut, als ich ihnen erzählt habe, in Wuppertal die sogenannte Ochsentour anfangen zu wollen.

Da es meine ehemaligen Kommilitonen wie auch mich in alle Richtungen verschlagen hat, habe ich eher sporadischen zu ihnen und meinen ehemaligen Professoren Kontakt und auch keinen aktuellen Einblick in die Entwicklung der HfM. Insofern sind natürlich meine Wünsche für die Zukunft nicht so sehr auf die spezielle Situation der Hochschule bezogen: mein Eindruck war damals, dass, wenn Studenten im Alter von 19 oder 18 Jahren anfangen zu studieren, viele Züge technisch wie musikalisch schon abgefahren sind. Wer dort zum ersten Mal wirklich guten Instrumentalunterricht bekommt, hat unglaublich viel aufzuholen, das leichter und besser mit 14 oder 16 Jahren zu lernen ist. Insofern würde ich nicht nur der HfM Saar, sondern insgesamt den Musikhochschulen wünschen, die Förderung von Teenagern von circa 12 bis 18 Jahren viel mehr ins Zentrum zu stellen. Ich schließe uns in Berlin da nicht aus. Das ist das Alter, wo sich entscheidet, ob jemand eine Konzertkarriere oder eine Stelle in einem großen Orchester erreichen kann. Wie es ja in vielen anderen Ländern so ist, so sollte es ebenso auch in Deutschland normal sein, schon in diesem Alter an eine Hochschule zu gehen.

Mit den besten Wünschen für die nächsten 75 Jahre!

Ihr Michael Wendeberg

Zur Person


Michael Wendeberg wurde 1974 in Albstadt geboren. Er studierte zunächst Klavier bei Jürgen Uhde, Markus Stange, Bernd Glemser und Benedetto Lupo, später Dirigieren bei Toshiyuki Kamioka in Saarbrücken.

Direkt nach seinem Studium gewann er das Probespiel als Pianist beim Ensemble Intercontemporain in Paris, dem er dann von 2000 bis 2005 angehörte. Er arbeitete dort intensiv mit Komponisten wie Pierre Boulez und György Kurtag.

Michael Wendeberg hat mit bedeutenden Orchestern als Solist konzertiert, etwa mit den Sinfonieorchestern des HR, des NDR und des WDR, den Bamberger Sinfonikern sowie der Staatskapelle Berlin. Nachdem er das Boulez’sche Gesamtwerk für Klavier bereits mehrmals aufgeführt hat, zuletzt im März 2018 im neuen Boulez-Saal in Berlin, nimmt er es zurzeit in Zusammenarbeit mit Deutschlandradio Kultur und dem Label Bastille dort auf. Seit dem Wintersemester 2018/2019 ist er Professor für Klavier und Klavierkammermusik an der Barenboim-Said-Akademie in Berlin.

Als Dirigent war er nacheinander an den Opernhäusern in Wuppertal, Mannheim, Berlin– dort unter Daniel Barenboim an der Staatsoper – und in Luzern tätig. Seit 2016 ist er erster Kapellmeister an der Oper Halle. 2011-2018 war Michael Wendeberg zusätzlich directeur musical des Ensemble Contrechamps in Genf, dessen erster Gastdirigent er seitdem ist. Gleichzeitig ist er als Gastdirigent bei renommierten Orchestern und Ensembles gefragt und kehrt auch immer wieder an die Staatsoper Berlin zurück. 2018-2019 sind Auftritte als Dirigent u.a. mit dem RSO Berlin, dem Ensemble Modern, dem WDR-Sinfonieorchester sowie seine Debüts mit der Birmingham Contemporary Music Group, dem Ankara Presidential Orchestra und dem Ensemble Intercontemporain in Paris geplant.

In seiner Arbeit als Musiker verbindet Wendeberg wie selbstverständlich den Umgang mit dem klassischen Repertoire von Johann Sebastian Bach bis Arnold Schönberg und die intensive Beschäftigung mit neuer und neuester Musik. Ein besonderes Anliegen ist ihm dabei, durch diese Konfrontation und die Wahrnehmung durchgehender Traditionen das Hören und Spielen sowohl der Alten als auch der Neuen Musik zu verändern.

Foto: Magdalena Höfner