Souvenirs - Marc Schubring

Absolvent*innen der HfM Saar erinnern sich

Beitrag von Marc Schubring zur HfM-Serie souvenirs

Ich hatte in den Achtzigern meinen zukünftigen Lehrer, Theo Brandmüller, bei einem Schüler-komponieren-Workshop kennengelernt. Darum war Saarbrücken für das Studium meine erste Wahl. Ich konnte mir keinen besseren Lehrer wünschen, denn obwohl mein Professor stilistisch anders arbeitete als ich, hatte er doch die Offenheit und die Neugierde für meinen Bereich, das Musiktheater. Er half mir meinen Horizont im traditionellen Handwerk zu erweitern, neuere Werke unserer Zeitgenossen zu studieren, aber auch mein spezielles Fachgebiet, die Verbindung von Text und Musik in dramatischen Situationen, zu erfassen, zu fördern und weiterzuentwickeln. Unser Deal war: Er brachte mir zeitgenössische Klassik nahe, ich brachte Klavierauszüge von Bernstein und Sondheim mit, die wir analysierten.  Am Ende des Studiums floss vieles in meine Diplomarbeit „Fletsch“ ein, ein Musical, das in einer Spielstätte des Staatstheaters uraufgeführt wurde und zum Geheimtipp mutierte. Ganz besonders muss ich aber auch noch Prof. Thomas Krämer erwähnen, bei dessen Lehrstunden man wie ein Schießhund aufpassen musste, damit einem nichts entging. Dieses Gefordertwerden in den verschiedenen Disziplinen hat mich geprägt und meine Sicht auf das Handwerk geändert. Alle Impulse aus dieser Zeit leben weiter in mir fort. Ergänzt durch die Praxis und die Erfahrungen haben sie mich zu dem Komponisten gemacht, der ich heute bin. Dafür bin ich dankbar.

Ich schreibe in einer Theatertradition, die es in Deutschland viele Jahrzehnte leider unterbrochen war.

Der Reichtum des musikalischen Unterhaltungstheaters Anfang des 20. Jahrhunderts hierzulande war so immens, dass die Zwanziger Jahre ein goldenes Zeitalter wurden, von denen heutige Spielpläne immer noch zehren. Doch das alles fand ein jähes Ende mit dem Einzug der Nationalsozialisten, die die größten Talente in die Emigration zwangen oder zum Verstummen brachten. So gab es keine Staffelübergabe der Generationen. Meine Peers und ich sind mehr oder weniger die ersten im deutschsprachigen Raum, die dieses Genre in ihrer Vielfältigkeit wieder aufgenommen haben.  Die Ausbildung an der HfM hat mich bestärkt, konsequent diesen Weg zu gehen, ausgestattet mit einem erstklassigen handwerklichen Rüstzeug. 2004 habe ich mich entschlossen, für ein paar Jahre nach New York zum BMI Musical Theatre Workshop zu gehen, um meine Skills im Bereich Musical Theatre noch zu verfeinern.

Ich hatte bisher viel Glück in meinem Leben. Ich konnte die meisten meiner Projekte realisieren. Was mir leider nicht ausreichend vergönnt war, ist, dass ich mich mit Theo Brandmüller durch seinen zu frühen Tod austauschen kann. Ich hätte gerne mehr Konzerte mit ihm und seiner Musik erleben wollen und ihn auch bei meinen Premieren dabei gehabt.

Ich hoffe aber, dass er ab und zu von seiner Himmelsorgel herunterguckt und zu meiner Musik mitwippt.

Ich bin wahnsinnig dankbar für meine Saarbrücker Zeit, das Studium und die Arbeit am Theater, und nicht zuletzt, weil ich hier auch meine Frau kennengelernt habe!

Happy birthday, HfM Saar, mögest Du weiter die Fackel der Kunst Generation für Generation weiterreichen!

Zur Person


Marc Schubring, geboren 1968 in Berlin, studierte an der heutigen Hochschule für Musik Saar von 1989 bis 1993 Komposition bei Prof. Theo Brandmüller. Von 1994 bis 1999 war er Leiter der Schauspielmusik am Saarländischen Staatstheater.

Seit 1990 entstanden in Zusammenarbeit mit dem Texter und Übersetzer Wolfgang Adenberg

u.a. die deutschsprachigen Musicals Fletsch – Saturday Bite FeverCyrano de BergeracEmil und die DetektiveDer Mann, der Sherlock Holmes warTellZum Sterben schönPünktchen und Anton und Gefährliche Liebschaften (gewann 2015 „Beste Komposition“ und „Bestes Musical“ beim Deutschen Musical Theater Preis).

Zu seinen aufgeführten Werken zählen außerdem die Kammeroper nimmerlandmensch (gewann 2000 den Osnabrücker Publikumspreis), Bühnenmusiken, Filmmusik für Dokumentationen, sowie für den Friedrichstadtpalast Berlin die Revue Der Zauberer von Camelot (Text: Lutz Hübner) und Teile der Musik von Rhythmus Berlin. Schubring schrieb außerdem Jingles für das SR2 Kulturradio des Saarländischen Rundfunks. Schubring unterrichtet gelegentlich Schreiben für das Genre Musical, sowie Interpretation für Darsteller*innen.

Seit 2004 pendelte Marc Schubring immer wieder zwischen Berlin und New York, wo er Mitglied des BMI Lehman Engel Musical Theatre Workshops und der Dramatists Guild of America ist, und begann mit den amerikanischen Textern Phoebe Kreutz und Jeffrey Haddow zu schreiben. Double Trouble, eine Adaption von Kästners DAS DOPPELTE LOTTCHEN (Text: David S. Craig), war 2015 Schubrings erste amerikanische Uraufführung (nominiert 2016 beim Helen Hayes Award als beste Adaptation).

Seit 2017 arbeitet Schubring auch mit dem Texter Kevin Schroeder zusammen. Von ihnen stammen die Musicals Vom Fischer und seiner Frau, Jacob und Wilhelm – Weltenwandler und das Webmusical Das tote Pferd von Plön, das noch in der Produktion ist.

Momentan schreiben sie intensiv am Musical Mata Hari, das im Frühjahr 2023 seine Uraufführung am Theater am Gärtnerplatz haben wird.

Foto: Stefan Huber